Die Überschrift soll keineswegs den Anschein erwecken, dass andere Geschichten, die hier erzählt würden, unwahr wären. Dennoch gibt es vielleicht diese zwei Aspekte, die bisher nicht hinreichend betont sind, die es aber wert wären.

Der erste ist dieser: der Autor, der Wettopa, Dirk Paulsen, hat sich seit der „Erfindung“ dieses Tools ausschließlich davon ernährt. Nähere Erläuterung dazu gleich.

Der zweite Aspekt ist jener: bei der „Erfindung“ hatte der Autor keineswegs im Sinn, erfolgreich zu wetten, Sportwetten zu seinem Lebensinhalt zu machen, den Wettmarkt zu besiegen oder sonstige, vielleicht von den Meisten selbstverständlich vorausgesetzten Überlegungen geleitet, alle unter der gleichen Überschrift „niedere Beweggründe in einem verzweifelten Versuch, irgendwie zu Geld zu kommen“. Nein, so war es NICHT.

Der viel schlichtere Gedanke, der sich aus der Lebensgeschichte – Leidenschaft für Zahlen und für Fußball — fast vollkommen schlüssig, einwandfrei, logisch, ergab, ist dieser: wie könnte man auf wissenschaftlichem Wege die möglichen Ausgänge eines Fußballspiels berechnen für all die Ereignisse, auf welche es am Wettmarkt Quotenangebote gibt?

Ein absolut nicht zu verleugnender Hintergedanke ist federführend und soll dabei auf keinen Fall ausgeblendet werden: wenn so etwas gelingt, dann kann man damit auch Geld verdienen. Egal, auf welchem Wege.

Man darf sehr wohl dabei erwähnen, dass genau die Zeit der Wende (ab 1989) eine war, in welcher sich das Wetten – auch deshalb – enorm verbreitet hat, und Wettanbieter, ähnlich wie herbstliche Pilze, aus dem Boden sprossen. Von daher: die Möglichkeit, das können zu können, bot jede Menge sichtbares, offenkundiges Potenzial. Gehen wir es an.

Zum ersten Aspekt sei nun der zweite hinzugefügt: ja, man konnte sich seither davon (gut) ernähren, allerdings gehörten die genannten Alternativen stets dazu. Das Tool war gut, die Algorithmen wurden gefunden und gut umgesetzt, die Zahlen, Ergebnisse ergaben, auch mit eigenen, hinzugefügten, klug ersonnenen Statistikfunktionen zur Überprüfung, dass die Berechnungen gut waren. Zur Weltmeisterschaft 1990 kam das Tool erstmals zum Einsatz – und es bewährte sich, auch wetttechnisch, mit Gewinnen.

Eine Weltmeisterschaft ist jedoch ein eigenständiger Wettbewerb und es war schon damals zu erkennen, dass eine große Masse an „naiven“ Wettern die Quoten so sehr favoritenlastig machten, dass man einfach auf die Außenseiter gehen konnte. Das schlug das Tool in der Regel vor, der Aufforderung kam man nach, das genügte, um positiv abzuschließen. Alles gut.

Der Ligaalltag ist jedoch anders. Das Tool musste dazu erst einmal funktionstüchtig gemacht werden (die erste Version konnte anfangs nur den einen Wettbewerb: die Weltmeisterschaft – was natürlich schon mal eine Menge war) und vor allem: die Stichhaltigkeit der Berechnungen auch hier unter Beweis gestellt werden. Ligaalltag ist anders, sowohl von Anbieter- als auch von Wetterseite.

Hier nun wurde fast eine Saison lang nur auf dem Papier gewettet. Nebenbei wurden alle möglichen Algorithmen entwickelt, mit denen man die Berechnungen überprüfen konnte, beziehungsweise die Parameter, welche man benötigte, feinjustiert. Da gab es eine Menge Arbeit – aber auch nach und nach immer bessere Ergebnisse. Das Vorgehen beim „paper-betting“ war ein ausgeklügeltes System. Sämtliche Anbieter, von denen man Quoten bekommen konnte, wurden im Betmaster erfasst – heute so etwas ein Kinderspiel, damals Handarbeit. Der Computer errechnete für alle Anbieter, die man erfasst hatte, die möglichen Tipps. Die so genannten „Value-bets“ – von dem Begriff hatte man damals keine Ahnung, der Inhalt jedoch wohl bekannt. Faire Quote steht im günstigen Verhältnis zur Eintrittswahrscheinlichkeit und verspricht langfristigen Profit, wohl wissend, das ein Einzelereignis hier keine Aussage ergibt.

All diese möglichen Wetten wurden auf echtes Papier gebracht (ausgedruckt). Danach wurde jedem einzelnen Anbieter per Fax die Auswahl der Tipps zugeschickt, die bei diesem möglich waren. Das ging an eine anwachsende Zahl von Anbietern, aber nehmen wir mal an, es waren insgesamt zehn. Jeder dieser Anbieter bekam also ein Fax am Freitag, mit den Tipps, und eines am Montag, mit einer Abrechnung (damals gab es noch keine Montagsspiele). So ging es über Monate. Zusätzlich bekam jeder der Anbieter von Zeit zu Zeit eine Übersicht: so waren die Ergebnisse genau bei dir, so waren sie bei all den anderen Anbietern. Es wurde nicht verhohlen, dass man das gleiche System auf mehrere Anbieter anwandte.

Das Ergebnis nach diesen etlichen Monaten (es war, kurz gesagt, fast eine gesamte Spielzeit): rund 5% Profit insgesamt, alles mit Einzelwetten erzielt. Natürlich hielt man gelegentlich Rücksprache mit den Anbietern, per Telefon, und traf hier und da auf Verwunderung: „Warum wettest du dann nicht?“

Dieser Teil der Geschichte soll nur deutlich machen, dass es wirklich zunächst nur wissenschaftliche Arbeit war. Man könnte, wenn man wollte. Eine Konsequenz war die: man besucht einfach all die Anbieter, höchst persönlich, stellt sich vor und lernt diese kennen und zeigt sein Produkt. Man müsste für genügend Aufmerksamkeit gesorgt haben, damit sich ein paar Türchen öffnen ließen?


Gesagt, getan: Computer eingepackt, ins Auto, und auf nach Österreich (wo sich damals doch der Großteil der Anbieter befand; nach England bekam man zwar auch sogar eine Einladung, es kam jedoch nicht zur Umsetzung). Alle Anbieter abgeklappert. Alle ließen sich das Tool vorführen, die Türen wurden also sehr wohl aufgetan, so viel hatte man erreicht, und man saß mit allen Chefs zusammen zur Präsentation. Das Tool war damals noch im Commandline interface (das ist auf gut deutsch: gar keines). Aber es ging ja mehr um die Ergebnisse?! Die Zweifler überwogen, jedoch erzielte man auch diesen einen Erfolg: der Anbieter im wunderschönen Innsbruck war nach der Sitzung bereit, für die Lieferung der Quoten einen wöchentlichen Betrag zu zahlen.

Da die anderen Sturköpfe sich als solche erwiesen, wurde man quasi in die Beweispflicht auf andere Art gedrängt. Eine bekannte und anerkannte, aber heute gar nicht mehr so gängige Erziehungsmethode lautet: wer nicht hören will, muss fühlen. Es ergaben sich daraus viele weitere Kontakte und auch viele Wetten und viele lustige Gespräche. Ein Beispiel, was einem ein Anbieter an Mathematikverstand entgegensetzte, lautete: „Wenn ich so spielen würde wie du, dann würde ich auch gewinnen.“ Tatsächlich ergab sich auch daraus eine Art von Lehrstunde. Er konnte es nämlich NICHT – und die 40.000 DM, die er dafür berappen musste, wanderten in die eigene Tasche. Er wollte nicht hören, von seinen anschließenden Gefühlen ist wenig überliefert.

Wie dem auch sei: das Tool spielte über die Jahre die Gewinne ein, die locker zum Leben reichten, gerne mag man sagen: auch ein bisschen mehr. Es war ein gutes Leben, was man führen konnte. Und wer lieber hörte als fühlte, war jederzeit eingeladen, die Zahlen käuflich zu erwerben. Es fanden sich durchaus einige – was aber aus hiesiger Sicht die Qualitäten des Tools nicht schmälert. Einzig die Überlegung: „Ja, sie haben gekauft bei dir, aber warum endete das?“, könnte Anlass zu Zweifeln bieten. Nur ändern sich viele Dinge auf dieser Welt, einige Anbieter existieren gar nicht mehr, die Welt der Quoten hat sich verändert, es gab bald eine Vielzahl von Anbietern, die gar nicht mal so schlechte Quoten machten, viele begannen, voneinander abzuschreiben und auch gab es bald die berühmten „Buchmacherkonferenzen“, in welchen sich die bisherigen Konkurrenten zumindest so weit abstimmten, dass sie nicht mehr miteinander kollidierten. Auch dies hatte seinen Einfluss für den Wert der angebotenen Zahlen. Von daher: es gab die Abnehmer, meine Zulieferung war nicht billig, einige kamen, einige gingen, ab 2000 kam der asiatische Markt, der sowieso alles komplett auf links drehte.


Das Tool hat Millionen eingespielt. Jedenfalls zu einem guten Teil auch mit dem Wetten. Die Rechengrundlagen sind erhalten geblieben, die grundlegende Herangehensweise hat sich ohnehin nie geändert. Es funktioniert noch immer, selbst wenn einige Dinge das Vorhaben, langfristig Gewinne einzufahren, erschwert haben. Als Beispiel seien nur noch die altbekannten und fast schon langweiligen „Wettmanipulationen“ zu nennen, welche unerfreuliche Nebenaspekte eingebracht haben, welche hier nicht zwingend näher erläutert werden müssen.

Ein wichtiger Aspekt sei noch genannt: die so heiß diskutierten Sperren, welche die Gewinner erhielten. Hier kann aus eigener Erfahrung nur so viel verraten werden: der eigene Umgang mit den Anbietern war immer gleich. „Ich kann gut rechnen und habe dafür ein Tool entwickelt, mit dem ich dir die Quoten machen kann, mit denen du Erfolg haben wirst.“ „Nein, das glaube ich nicht.“ „Dann kann ich ja bei dir wetten?“ „Na klar.“ „Super, dass wir das geklärt haben. Du darfst jederzeit deine Meinung ändern. Sage mir bitte nur noch, wie hoch ich spielen kann? Nenne mir einfach pro Spiel oder pro Wette den Betrag – und sei bitte an dieser Stelle nicht so kleinlich. Du hast die guten Quoten, du hast den Vorteil, je mehr du annimmst auf die Spiele, umso besser für dich.“ Diese Logik war unüberwindlich und makellos. Insofern: man konnte einfach immer die Umsätze platzieren, die man wollte. In welche Richtung das Geld am Ende wanderte? Nun, hier nützen Erzählungen auch nicht so viel, weil sie, wie alles andere hier, als schlichtes Anglerlatein abgetan werden könnten. Aber: der Autor ist nicht arm geworden dabei. Zu Sperren kam es dennoch niemals.